Eine Strasse mitten durchs Auenland

Das Auenschutzgebiet von nationaler Bedeutung bei Aarberg: Unweit von hier würde die geplante Umfahrungsstrasse durchführen, sollte sie dereinst gebaut werden.

Was in den 70er-Jahren eine Autobahn bei Aarberg werden sollte, ist noch heute als Umfahrungsstrasse K22 im kantonalen Richtplan enthalten – auch wenn sie wohl kaum jemals gebaut werden wird.

Bereits in den 50er-Jahren wurde in Aarberg von einer Umfahrung gesprochen. In den 70er-Jahren, als die Strasse noch eine vierspurige Autobahn werden sollte, war von der T22 ("Seelandtangente") die Rede. Mittlerweile wird das schubladisierte Vorhaben K22 genannt; das K steht für Kantonsstrasse.

Eigentlich aber sieht der Kanton Bern in einer solchen Entlastungsstrasse keine Notwendigkeit und lässt erkennen, dass der Bau einer solchen Strasse im Zusammenhang mit den heute vorhandenen Frequenzen völlig unverhältnismässig wäre.

Klar ist, die geplante Streckenführung der K22 käme einem umweltpolitischen Sündenfall gleich: Für den Bau dieser mehrspurigen Strasse würden Bulldozer dereinst eine breite Schneise durch das Auenschutzgebiet von nationaler Bedeutung im Bereich der Alten Aare schlagen. Wo sich heute Tiere und Pflanzen "ungestört entwickeln können" und wo auch "kommende Generationen eine intakte Natur vorfinden sollen", wie es auf dem Anschlagebrett beim Naturschutzgebiet zu lesen ist, würden künftig 40 Tonnen schwere Lastwagen die Luft verpesten. Eigentlich undenkbar.
Opposition programmiert.

Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz ist sich sicher: "Eine solche Umfahrungsstrasse würde ein wichtiges Naherholungsgebiet zerstören; das lehnen wir vollumfänglich ab und würden auch dagegen Einsprache erheben". Auch Robert Schmid, Präsident von Pro Natura Seeland, sieht das so: "Wir würden ein solches Projekt sicher bekämpfen".

Verkehr ist hausgemacht
Doch nicht nur die Umweltverbände künden einen Sturmlauf an, sollte eine solche Planung tatsächlich einmal konkret werden. "Das Auenschutzgebiet um Aarberg ist als Naherholungsraum äusserst wichtig und wertet den Wohn- und Lebensraum stark auf", so Myriam Lanz, Präsidentin der SP Aarberg, für welche klar ist, dass eine Umfahrungsstrasse den heutigen Verkehr nicht mindern würde. "Aufgrund der aktuellen Verkehrsfrequenzen ist erkennbar, dass der grösste Teil des Verkehrs durch die Aarbergerinnen und Aarberger selbst verursacht wird", so Lanz. Aarbergs Bauverwalter Marc Lehmann kann dies bestätigen: Gemäss der letzten Studie seien 70 Prozent des Verkehrs "hausgemacht".

Es ist kein Zufall, dass die Diskussion um dieses eigentliche Phantom einer bisher nie gebauten und wohl auch künftig nicht realisierbaren Strasse gerade jetzt wieder auf den Tisch gebracht wird. Im kommenden Mai stimmt der Aarberger Souverän unter anderem über die Umzonung des Ziegelei-Areals ab. Dort soll ein Shopping-Center mit Baumarkt entstehen (das BT berichtete), welches Kundinnen und Kunden aus dem ganzen Seeland nach Aarberg locken wird. Eine markante Zunahme des Verkehrs ist absehbar. Logisch, dass nicht jeder seinen Holzzaun mit dem öffentlichen Verkehrsmittel nach Hause transportieren wird. Und: Eine Umfahrungsstrasse würde auch hier keinen Nutzen leisten, denn das Ziegelei-Areal befindet sich mitten im Zentrum von Aarberg.
Renat Schwab begründet als Präsident des Gewerbevereins mit einer ganzen Liste von Argumenten, weshalb die Option auf eine Umfahrungsstrasse beibehalten werden muss. Einer der Punkte, welchen auch der für die Raumplanung zuständige Gemeinderat Fritz Affolter (SVP) anfügt, ist die grosse Unbekannte einer Verlagerung des Schwerverkehrs bei Inbetriebnahme des Autobahn-Ostastes in der Stadt Biel in ein paar Jahren.

Aussiedeln nicht möglich
Der Bauer Walter Dardel weiss nur zu gut, dass die Umfahrungsstrasse noch immer im Richtplan enthalten ist. "Bereits mein Vater wollte dorthin aussiedeln", sagt er mit Verweis auf das Landstück zwischen Aarberg und Kappelen, wo die Durchfahrt dieser Strasse seit den 50er-Jahren geplant ist. Wie seinem Vater wurde auch ihm selbst ein Aussiedeln verwehrt. Der Grund: Die Offenhaltung des Trassees für die K22 – wenn sie denn doch einmal gebaut werden sollte.

Artikel von Markus Nobs aus dem Bieler Tagblatt vom 8. März 2011

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