Gruppenbild mit Schildkröten: Magdalena Siegenthaler und ihre Töchter Selina und Ursina (Fotos: Markus Nobs).
Ihre Widerstandsfähigkeit ist sprichwörtlich. Doch auch Schildkröten sind vor Angriffen nicht gefeit. Zu Gast bei Familie Siegenthaler in Seedorf.
Beim Chutzenturm oberhalb Ruchwil hebt ein Milan zu seinem Flug ab. Unter sich sieht er ein gelbes, langgezogenes Etwas, das sich die steile Strasse hinauf Richtung Frienisberg zwängt: Ein Postauto. Etwas zu gross und bestimmt nicht nach seinem Geschmack wäre diese Beute für den Raubvogel. Im Gegensatz dazu würde er die kleinen Schildkröten, welche er beim Ueberflug im Garten von Familie Siegenthaler aus Seedorf ausmachen kann, wohl keineswegs verschmähen. Doch abermals wird sein Raubflug jäh unterbrochen: Es ist frühmorgens, kurz vor Sieben. Selina, die 14-jährige und damit ältere Tochter des Hauses geht mit einer Handvoll Salatblätter durch den Garten, um ihre Krabbler zu füttern. Nicht selten ist sie es, welche noch bevor sie nach Aarberg in die Schule geht, die Tiere füttert. „Heute sind die Schildkröten gross genug und nicht mehr gefährdet, von einem Raubvogel gepackt zu werden“, ist Selina beruhigt. Das war nicht immer so: Als einige der Schildkröten noch klein waren, „etwa so gross wie ein Fünfliber“, mussten diese in einem Teil des Geheges mit einer Gitterabdeckung geschützt werden. Doch zu ihren Feinden zählen auch heute noch Hunde oder Füchse. So weist Schildkröte Maxi, die achtjährig ist, zwei gut sichtbare Löchlein am Bauch auf „und es fehlt ihr eine kleine Ecke des Panzers“, so Selina. Diese mittlerweile gut verheilten Verletzungen stammen den Spuren nach von einem Fuchs, der Maxi vor zwei Jahren zu den Nachbarn hinüber verschleppt hat. Selina: „Glücklicherweise konnte er dort noch rechtzeitig wiedergefunden werden“.
"Basil beisst"
Jede der dreizehn Griechischen Landschildkröten von Familie Siegenthaler trägt einen Namen und hat ihre Eigenart. Sowohl optisch, wie auch in Bezug auf ihr Verhalten: „Basil beispielsweise beisst“, weiss Ursina, die 10-jährige Tochter von Siegenthalers aus eigener Erfahrung. Besonders ansprechen würden Schildkröten auf die Farbe Rot. So eilen diese dann auch unverzüglich durch die Kiesel, um eine kleine Tomate zu vertilgen, welche gerade ins Gehege gelegt wurde. „Ebenso reagieren sie auch auf einen rot gefärbten Zehennagel“, lacht Magdalena, die Mutter von Selina und Ursina. Unter dem Currykraut versteckt sich Luna, ein weiteres Prachtsexemplar der Urtier-Familie. Die Bepflanzung im überaus grosszügig angelegten und in drei Bereiche unterteilten Schildkröten-Park, ist nicht zufällig gewählt: „Es ist wichtig, dass Schildkröten verschiedene Pflanzenarten in ihrem künstlichen Lebensraum wiederfinden“, weiss Magdalena Siegenthaler, die als Lehrerin in Jegenstorf unterrichtet. Nebst weiteren Kräuterarten wie Thymian oder Rosmarin ist auch Lavendel vorhanden. „Dieser ölt den Tieren beim Hindurchkriechen den Panzer und dient dadurch gleichsam der Pflege", ergänzt Magdalena Siegenthaler. Im Frühjahr muss der Panzer der Schildkröten zusätzlich mit etwas Olivenöl eingerieben werden.
Einchecken im Hotel
Wenn es nun Herbst wird, beziehen die Schildkröten bald ihr "Hotel" für den Winterschlaf. Von Oktober bis März verbleiben sie dann in einer der drei grünen Tonnen, welche in die Erde eingelassen sind. Sobald sie dort "eingecheckt" haben, graben sie sich bis 120 Zentimeter tief in den Holzschnitzel-Boden, damit ihnen die Kälte im Winterhalbjahr nichts anhaben kann. Doch auch den Sommer über ist das durch Vater Ueli erbaute Schildkröten-Hotel gut ausgelastet. In dieser Zeit begeben sich die Tiere jedoch nur nachts dorthin. Denn frühmorgens sind sie bereits wieder erpicht darauf, draussen die ersten wärmenden Sonnenstrahlen einzufangen. "Schildkröten brauchen sowohl die Sonne, als auch genügend schattige Plätze", weiss Ursina und zeigt auf das sogenannte Frühbeet; auch ein Bauwerk ihres Vaters. Es ist eine Art durchsichtiger Verbindungstunnel zwischen zwei Gehegen. "Dort gibt es im Frühjahr regelrecht Stau, weil sich die Tiere nach dem Winterschlaf unter der Plexiglas-Scheibe aufwärmen wollen", ergänzt ihre Mutter lachend.
Die richtige Bepflanzung
• Schildkröten brauchen eine Bepflanzung und Wasserstellen, welche ihrem natürlichen Lebensraum entspricht.
• Geeignet sind beispielsweise Kräuter, Lavendel und Hibisken.
• Eine Schildkröte benötigt rund zwei Quadratmeter Platz, sollte jedoch nie alleine gehalten werden.
• Griechische Landschildkröten können nicht schwimmen: Daher Vorsicht mit der Tiefe bei den Wasserstellen.
Artikel von Markus Nobs aus dem Bieler Tagblatt vom 10.09.2011