Dieser Platz bleibt bald leer: Die Pächter zügeln ihre Gärten ab Dezember - oder hören gleich ganz mit dem "Gärtelen" auf. Bild: Markus Nobs.
Impressionen aus einem Garten, der seine letzte Ernte hervorbringt - und bald nicht mehr sein wird.
Normalerweise sind Schrebergärten ein Ort der Ruhe und Glückseligkeit. Nicht so derjenige auf der Aarberger Kräheninsel in diesem Herbst. Bald fahren hier die Bagger auf, um den idyllischen Flecken dem Erdboden gleich zu machen. Der Grund: Die Aarbergerinnen und Aarberger haben dem Bau einer Halle mit Mehrzwecknutzung zugestimmt. Als geeignetster Standort wurde ebendieser Platz in der Aarolina auserwählt.
Die Anzeichen sind untrüglich. Einige der heutigen Parzellenbesitzer haben bereits mit dem Rückbau ihrer Gartenhäuschen begonnen. Hier liegen ein paar Holzlatten auf einer Beige, dort stehen kleine Blocksteine, welche als Wegbegrenzung dienten, aufeinander gestapelt am Rand das Pfades und warten auf ihren Abtransport.
Internierte Vögel
Auf der südlichen Seite des Gartens steht eine Bretterbude. Beim Näherkommen schaut man zuerst verwundert und vor allem suchend in die Luft, bis man feststellt, dass das Gurren der Tauben aus dem Innern des Holzstalls stammt. Mehrmals in der Woche dürfen die Vögel jedoch ihr hölzern verkleidetes Nest verlassen und - sozusagen als weissen Kontrapunkt zu den hier zahlreich vorhandenen Namensgebern der Kräheninsel - zu einem Rundflug über das angrenzende Naturschutzgebiet ansetzen.
Während vielen Jahrzehnten hat dieser Garten seinen Pächtern und deren Familien Nahrung gespendet und vor allem Freude bereitet. So auch heute, wenn mit dem Nebelband auch etwas Melancholie über den Pflanzbeeten zu schweben scheint. Neben dem Gewächstunnel mit den noch immer rot leuchtenden Tomaten und Paprikas haben zwei alte Männer wohl für eines der letzten Male ihr Cheminée angefeuert. Gewiss werden hier gerade nicht nur brennbare Materialien verfeuert, welche vollumfänglich der Luftreinhalteverordnung entsprechen würden.
Wertschätzung an die Natur
Die beiden kräftigen Nussbäume zuhinterst im Schrebergarten sind längst abgeerntet worden. Kaum eine Nuss ist noch auffindbar. Sowohl am Baum selbst, als auch am Boden. Das Beispiel zeigt, dass hier Menschen die Gärten bewirtschafteten, welche die Früchte der Natur zu schätzen wussten. Im Gegensatz dazu stehen im nahe gelegenen Einfamilienhaus-Quartier noch immer Apfel- und Birnenbäume, prallgefüllt mit ihren Früchten, die meisten davon jedoch verfault.
Dort, ganz hinten in der Ecke versucht ein violetter Strandflieder, welcher in unseren Breitengraden eigentlich gar nicht heimisch ist, vergeblich alles zum Guten zu wenden. Es ist, als wollten seine Dolden mit den kleinen, filigranen Blüten ein letztes Mal auf sich aufmerksam machen und sagen: „Auch was fremd und andersartig ist, kann durchaus erfreulich und freundlich sein“. Mazedonier, Portugiesen, Italiener und natürlich auch Schweizer, insgesamt 34 Pächter, haben auf diesem Stück Land, welches etwa der Grösse eines Fussballfeldes entspricht, etliche schöne Stunden verbracht und nicht zuletzt ihre Familien kostengünstig mit Gemüse und Früchten versorgen können.
Menschliche Züge
Ueber Streitigkeiten ist nicht viel bekannt, wenngleich einer der Männer angibt, für sein Häuschen damals eine Baubewilligung gebraucht zu haben, während dem „dieser dort drüben wie ein Zigeuner gebaut hat“ – und damit zu erkennen gibt, dass wie in der Gesellschaft, wohl auch hier gelegentlich Neid und Missgunst zu den Besuchern zählten. Ein anderer spricht davon, nur Biogemüse angebaut zu haben. Zeitgleich kommt sein Fingerzeig zu einem Nachbargrundstück, wo der dortige Pächter den Dünger gleich „sackweise“ in seine Beete eingebracht haben soll.
Die Kräheninsel in Zahlen
• Heute 40 Parzellen, welche durch Personen aus Aarberg, Bargen, Lyss und sogar Kerzers bewirtschaftet wurden.
• Eine Parzelle kostet lediglich 30 Franken Pachtzins pro Jahr.
• 18 der heute 34 Pächter zügeln ihre Gärten ab Dezember an einen neuen, von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Standort.
• Neu können nur noch in Aarberg wohnhafte Personen Pächter sein.
Artikel von Markus Nobs aus dem Bieler Tagblatt vom 14.10.2011
* * *